Leiterplatten reinigen: So vermeidest du Schäden durch Ultraschall und Feuchtigkeit

Leiterplatten reinigen ist sinnvoll, wenn Flussmittel oder andere Fertigungsrückstände zuverlässig entfernt werden müssen. Vor jeder Nass- oder Ultraschallreinigung musst du jedoch prüfen, ob Quarze, Relais, Potentiometer, Taster und weitere empfindliche Bauteile für die Reinigung geeignet sind, denn Ultraschall kann Quarze durch Resonanzen beschädigen und Flüssigkeit kann in nicht abgedichtete Gehäuse eindringen. Die sichere Lösung ist eine eindeutige Reinigungsvorgabe in der Fertigungsdokumentation: Sind nicht waschgeeignete Bauteile bestückt, darf die Baugruppe nicht ohne Freigabe gewaschen werden oder die Reinigung muss vor ihrer Bestückung erfolgen.

Warum das Reinigen von Leiterplatten kritisch ist

Mit dem richtigen Verfahren lassen sich zwar Flussmittelreste, Fett, Staub und andere Verunreinigungen sehr gut entfernen. Gleichzeitig kann die Reinigungsflüssigkeit unter Bauteile oder durch kleinste Öffnungen in Gehäuse eindringen. Dort bleibt sie möglicherweise eingeschlossen und verursacht den Fehler nicht sofort, sondern erst Tage, Wochen oder Monate später. Genau das macht diese Schäden so unangenehm: Bei der Endprüfung funktioniert die Baugruppe, beim Kunden fällt sie unter Spannung aus. Besonders kritisch sind elektromechanische Bauteile mit Kontakten, Federn, Spulen oder Schleifbahnen. Deshalb beginnt eine sichere Reinigung nicht an der Waschmaschine, sondern bereits bei der Bauteilauswahl, der Stückliste und der Fertigungsdokumentation.

Quarze vor der Ultraschallreinigung genau prüfen

Quarze und Oszillatoren reagieren je nach Bauform empfindlich auf mechanische Schwingungen. Die Ultraschallfrequenz oder deren Oberwellen können nahe an einer mechanischen Resonanz des Quarzes liegen und dadurch den Quarzrohling, interne Verbindungen oder andere Gehäusestrukturen belasten. Einige Hersteller erlauben Ultraschallreinigung nur nach einer vorherigen Qualifizierung, während sie diese bei bestimmten Stimmgabelquarzen oder Oszillatoren ausdrücklich ausschließen. Epson weist beispielsweise darauf hin, dass abhängig von Leistung, Dauer und Reinigungsanlage Resonanzschäden auftreten können. Micro Crystal empfiehlt bei verschiedenen Oszillatoren, Reinigungsprozesse mit Ultraschallenergie zu vermeiden. Prüfe deshalb immer das konkrete Datenblatt und nicht nur die allgemeine Bauteilbezeichnung „Quarz“.

Mechanische Bauteile können Flüssigkeit aufnehmen

Relais, Potentiometer, Taster, Schalter und Steckverbinder besitzen häufig kleine Spalte oder Öffnungen. Diese sind konstruktiv notwendig, können bei einer Nassreinigung aber zum Einfallstor für Wasser oder Reinigungsmittel werden. Bei Relais ist die genaue Schutzklasse entscheidend. Ein staubgeschütztes oder flussmitteldichtes Relais ist nicht automatisch waschdicht. Nur entsprechend abgedichtete Varianten dürfen nach Herstellervorgabe vollständig eingetaucht werden. Panasonic warnt davor, offene Relais zu reinigen, und rät selbst bei geeigneten Typen von einer Ultraschallreinigung ab, weil Spulen oder Kontakte durch die Ultraschallenergie beeinträchtigt werden können. Omron unterscheidet ebenfalls klar zwischen kunststoffversiegelten und nur flussmittelgeschützten Relais.

Bauteile und Reinigungsfreigaben prüfen

Bevor du Leiterplatten reinigen lässt, gehst du die Stückliste systematisch durch. Suche bei allen kritischen Bauteilen nach Angaben wie „washable“, „wash tight“, „sealed“, „not washable“ oder konkreten Reinigungshinweisen. Prüfe nicht nur Relais und Quarze, sondern auch Taster, Potentiometer, Summer, Mikrofone, Drucksensoren, offene Steckverbinder, Displays und andere Bauteile mit Hohlräumen oder mechanischen Funktionen. Fehlt eine eindeutige Herstellerfreigabe, behandelst du das Bauteil zunächst als nicht waschgeeignet. Eine Annahme nach dem Motto „Das Gehäuse sieht geschlossen aus“ reicht nicht. Im Zweifel muss der Bauteilhersteller oder Lieferant die Eignung bestätigen. Das kostet einige Minuten, kann aber einen kompletten Serienfehler und eine aufwendige Rückrufaktion verhindern.

Das Reinigungsverfahren passend auswählen

Nicht jedes Reinigungsverfahren passt zu jeder Baugruppe. Eine Platinenwaschmaschine ist für reproduzierbare Serienprozesse geeignet, benötigt aber klar definierte Medien, Spülzyklen und Trocknungsbedingungen. Ultraschall löst Rückstände auch an schwer zugänglichen Stellen, kann jedoch empfindliche Bauteile mechanisch anregen und Flüssigkeit in Gehäuse drücken. Isopropanol eignet sich besonders für lokale Arbeiten, Nacharbeit und Reparatur, muss aber materialverträglich eingesetzt und wegen seiner Entzündlichkeit sicher gehandhabt werden. Eine manuelle Reinigung mit Pinsel oder geeignetem Tuch bietet gute Kontrolle, erreicht jedoch verdeckte Bereiche unter Bauteilen nur eingeschränkt. Entscheidend ist deshalb nicht, welches Verfahren grundsätzlich am besten reinigt, sondern welches Verfahren für die konkrete Baugruppe freigegeben, beherrscht und dokumentiert ist.

Reinigungsverfahren Typischer Einsatz Vorteile Kritische Punkte
Platinenwaschmaschine Serienfertigung und komplette Baugruppen Reproduzierbarer Prozess, gute Flächenreinigung Nicht waschgeeignete Bauteile, Spülung und vollständige Trocknung prüfen
Ultraschallreinigung Hartnäckige Rückstände und schwer zugängliche Bereiche Sehr intensive Reinigung, erreicht enge Zwischenräume Risiken für Quarze, Relais und mechanisch empfindliche Bauteile
Isopropanol Reparatur, Nacharbeit und lokale Reinigung Gut kontrollierbar, verdunstet vergleichsweise schnell Entzündlich, Materialverträglichkeit und Belüftung beachten
Reinigung per Hand Einzelstücke, Prototypen und gezielte Bereiche Hohe Kontrolle, geringer Anlagenaufwand Prozessabhängig, verdeckte Stellen werden möglicherweise nicht erreicht

Ultraschallbad nur mit geeignetem Reinigungsmittel verwenden

Für ein Ultraschallbad reicht Wasser allein meistens nicht aus. Das Reinigungsmittel muss zu den Rückständen, den Leiterplattenmaterialien und allen bestückten Bauteilen passen. Ich habe mit TICKOPUR TR 14 und EM-303 gute Erfahrungen gemacht. TICKOPUR TR 14 ist ein Flussmittelentferner für die Ultraschallreinigung, der laut Hersteller bei wasser- oder alkaliempfindlichen Teilen vorher auf Materialverträglichkeit geprüft werden muss. EM-303 ist speziell für Leiterplatten und Baugruppen vorgesehen und entfernt unter anderem Flussmittel, Fett, Fingerabdrücke und nicht ausgehärtete Lotpaste. Diese Mittel lösen aber das Grundproblem nicht: Ist ein Bauteil nicht waschgeeignet, macht auch ein gutes Reinigungsmittel die Ultraschallreinigung nicht sicher.

Nach der Reinigung gründlich spülen und trocknen

Nach dem eigentlichen Reinigungsschritt müssen gelöste Rückstände und Reinigungsmittelreste vollständig entfernt werden. Bleiben sie unter Bauteilen, zwischen Pins oder in engen Spalten zurück, können sie später die Oberflächenisolierung verschlechtern oder Feuchtigkeit binden. Besonders kritisch sind Baugruppen mit hohen Spannungen, großen Strömen oder kleinen Luft- und Kriechstrecken. Die Trocknung darf deshalb nicht nach Gefühl beendet werden. Ein Bauteil kann von außen trocken aussehen, während sich im Inneren noch Flüssigkeit befindet. Temperatur, Dauer und Trocknungsverfahren müssen zu den Bauteilen passen und sollten als Fertigungsprozess qualifiziert werden. Werden Baugruppen nach der Reinigung beschichtet, muss vor dem Conformal Coating ebenfalls sichergestellt sein, dass keine Feuchtigkeit eingeschlossen wird.

Horrorstory aus der Praxis: Das Relais wurde zur Brandursache

Bei einem Projekt ist eine Baugruppe im Gerät eines Kunden abgebrannt. Der Fertiger hatte die bestückten Leiterplatten ohne vorherige Rücksprache gereinigt. Auf der Baugruppe befanden sich Relais, die nicht für eine Nassreinigung geeignet waren. Durch kleine Öffnungen gelangte Flüssigkeit in die Relais und sammelte sich dort. Bei der Endprüfung war der Fehler zunächst nicht sichtbar. Erst im späteren Betrieb führten die hohe Spannung und der hohe Strom im betroffenen Bereich zu einem Kurzschluss und schließlich zu einem Brand. Der eigentliche Fehler lag nicht nur beim Reinigungsprozess. In der Fertigungsdokumentation fehlte eine eindeutige Vorgabe, dass die bestückte Baugruppe nicht gewaschen werden durfte. Genau solche unscheinbaren Lücken werden später sehr teuer.

Reinigung eindeutig in der Fertigungsdokumentation festlegen

Schreibe nicht nur „Leiterplatte reinigen“ in eine allgemeine Fertigungsnotiz. Lege fest, ob die Baugruppe gewaschen werden darf, welches Verfahren zugelassen ist, welche Reinigungsmittel eingesetzt werden dürfen und welche Bauteile besonders kritisch sind. Sind Relais, Quarze oder andere nicht waschgeeignete Komponenten verbaut, muss dort unmissverständlich stehen: „Bestückte Baugruppe nicht waschen.“ Alternativ kann die unbestückte Leiterplatte oder eine teilbestückte Baugruppe gereinigt werden, bevor die empfindlichen Bauteile montiert werden. Der Fertiger darf eine solche Entscheidung nicht aus Gewohnheit treffen. Unterschiedliche Fertiger haben unterschiedliche Standardprozesse. Was beim ersten Lieferanten automatisch ohne Reinigung gefertigt wird, kann beim nächsten Lieferanten routinemäßig durch die Waschmaschine laufen.

Meine Empfehlung für das PCB-Review

Reviewe neben Schaltplan, Layout und Gerberdaten unbedingt auch deine Fertigungsdokumentation. Prüfe, ob Reinigung, Trocknung und der Umgang mit nicht waschgeeigneten Bauteilen eindeutig beschrieben sind. Ich persönlich verwende für lokale Reinigungsarbeiten bevorzugt Isopropanol, weil ich das Mittel gezielt auftragen und den Vorgang gut kontrollieren kann. Für geeignete Baugruppen im Ultraschallbad haben sich bei mir TICKOPUR TR 14 und EM-303 bewährt. Trotzdem gilt immer die Bauteilfreigabe und nicht meine persönliche Erfahrung als entscheidendes Kriterium. Eine Reinigung ist nur dann gut, wenn die Leiterplatte anschließend nicht nur sauber aussieht, sondern auch langfristig zuverlässig funktioniert. In meinem Buch findest du weitere Informationen zu systematischen Leiterplatten-Reviews und kritischen Fertigungsdetails. Du wirst lernen, solche Risiken vor der Serienfertigung zu erkennen und teure Ausfälle beim Kunden zu vermeiden.

Weiterführende Links

Quarze können durch Ultraschall beschädigt werden

Epson weist in seinen technischen Hinweisen darauf hin, dass eine Ultraschallreinigung abhängig von Reinigungsanlage, Leistung und Dauer Resonanzschäden am Quarz verursachen kann. Der konkrete Prozess muss deshalb mit dem jeweiligen Bauteil geprüft werden. Link

Ultraschallreinigung ist bei Relais kritisch

Panasonic empfiehlt, Ultraschallreinigung bei elektromechanischen Relais zu vermeiden. Die Ultraschallenergie kann laut Hersteller unter anderem Spulendrähte beschädigen oder ein leichtes Verkleben der Kontakte verursachen. Link

Nicht jedes abgedichtete Relais ist automatisch waschgeeignet

Omron unterscheidet zwischen verschiedenen Relaiskonstruktionen. Vollständig versiegelte Relais können je nach Produkthinweis waschbar sein. Relais, die nicht für Ultraschallreinigung entwickelt wurden, dürfen jedoch nicht entsprechend gereinigt werden, weil Resonanzen interne Bauteile beschädigen können. Link

TICKOPUR TR 14 ist für Leiterplatten vorgesehen

BANDELIN beschreibt TICKOPUR TR 14 als Flussmittelentferner für die Ultraschallreinigung. Als Einsatzgebiete nennt der Hersteller unter anderem bestückte und unbestückte Leiterplatten, elektronische Komponenten und Baugruppen. Die Materialverträglichkeit muss dennoch für die konkrete Baugruppe geprüft werden. Link

EM-303 ist ein spezieller Leiterplattenreiniger

EMAG bietet EM-303 ausdrücklich als Leiter- und Platinenreiniger an. Das Mittel ist für die Entfernung typischer Verschmutzungen auf Leiterplatten vorgesehen und wird für Ultraschallreinigungsgeräte angeboten. Link


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